Das Tauschgeschäft: Warum Geben für den Hund ein Gewinn ist
Fast jeder Hundehalter kennt diesen Moment: Der Hund findet auf dem Spaziergang etwas „Unbeschreibliches“ – sei es Unrat, Essensreste oder ein verloren gegangenes Fundstück. Die intuitive Reaktion vieler Menschen ist oft fatal: Man geht frontal auf den Hund zu und nimmt ihm das „Erbeutete“ unsanft aus dem Fang.
Doch genau hier liegt die Wurzel vieler Probleme im Hundetraining. Wer so agiert, etabliert sich in den Augen seines Vierbeiners als Beutekonkurrent. Die Folge? Man erzieht sich einen Beutesicherer, der sich mit seinem Fund verkriecht oder ihn hastig herunterschlingt, um ihn behalten zu können. In Zeiten von Giftködern kann dieses Verhalten lebensgefährlich werden.
Vertrauen statt Beutekonkurrenz: Das Ritual nach Fichtlmeier
In der Jagdhundeausbildung nach der Methode von Anton Fichtlmeier setzen wir beim Thema Apportieren nicht auf Zwang, sondern auf ein klares, soziales Ritual: das Tauschgeschäft.
Egal ob bei der Welpenerziehung oder beim Training mit dem erwachsenen, jagdlich motivierten Hund – das Ziel ist immer dasselbe: Der Hund soll erfahren, dass das freiwillige Überlassen von Gegenständen die für ihn erfolgreichste Strategie ist. Wir wollen keinen „Zwangsapport“, der oft zu Meideverhalten oder einem freudlosen Arbeitsstil führt, sondern ein partnerschaftliches Miteinander.
Das Signal der Annahme: Warum die Körperhaltung entscheidet
Ein entscheidender Punkt in der Philosophie von Anton Fichtlmeier ist unsere eigene Körpersprache. Wenn wir uns über den Hund beugen, wirken wir bedrohlich und dominant – das signalisiert Konfrontation, nicht Kooperation.
- Die Einladung: Gehe bewusst in die Hocke, wenn dein Hund mit einem Gegenstand (einem Dummy, einer Klorolle oder einem Felldummy) auf dich zukommt.
- Die Psychologie: Durch das Hinhocken nehmen wir den Druck aus der Situation. Wir machen uns klein und signalisieren das Signal der Annahme. Wir agieren nicht als Gegner, der etwas wegnimmt, sondern als „sicherer Hafen“, der den Fund des Hundes wertschätzt und annimmt.
- Die Bestätigung: In dieser einladenden Position bietest du die Belohnung an. Das kann ein hochwertiges Leckerchen sein oder ein kurzes, gemeinsames Spiel.
Relevanz für Jäger: Apportieren ohne Knautschen
Für den Jäger ist ein zuverlässiges Bringen und Halten essenziell für die Brauchbarkeitsprüfung und den praktischen Jagdbetrieb. Hunde, die Beute als ihr Eigentum betrachten, neigen zum Knautschen oder geben das Niederwild nur widerwillig aus. Durch das ritualisierte Tauschgeschäft lernt der Jagdhund von Anfang an, dass das Zutragen zum Führer die Interaktion positiv auflöst. So fördern wir einen freudigen Apport und eine saubere Abgabe am Stück.
Relevanz für Nichtjäger: Jagdkontrolle und Auslastung
Wer einen Hund mit hoher Jagdleidenschaft führt, nutzt Dummytraining oft als sinnvolle Ersatzjagd. Das Tauschgeschäft ist hier die Basis der Jagdkontrolle:
- Prävention: Es erhöht die Chance massiv, dass dein Hund dir Fundstücke (Stichwort Antigiftködertraining) stolz präsentiert, statt sie heimlich zu fressen.
- Bindung: Die gemeinsame Arbeit am Apportel stärkt die Bindung, da der Fokus auf der Kooperation liegt.
- Auslastung: Anstatt den Hund durch bloße Futtersuchspiele zu beschäftigen (was das eigenständige Suchen von Fressbarem am Boden leider noch fördert), etablieren wir eine kontrollierte Zusammenarbeit.
Fazit: Das Tauschgeschäft als Lebensphilosophie
Ist dieses Ritual erst einmal gefestigt, wird dein Hund dir alles Mögliche zutragen. Du kannst dann situativ entscheiden, ob du das Angebot annehmen möchtest oder nicht. Mein persönlicher Tipp als Hundetrainerin: Ich tausche grundsätzlich alles, was mir freudig angeboten wird. Denn jedes erfolgreiche Tauschgeschäft zahlt auf das Konto „Vertrauen“ ein und sichert die Ansprechbarkeit deines Hundes – auch in schwierigen Situationen unter Ablenkung.


