In der Hundeszene gibt es Strömungen, Stile und vor allem: Schlagworte. Manche davon sind so präsent, dass man an kaum einem Beitrag in den sozialen Medien an ihnen vorbeikommt. Doch Präsenz bedeutet nicht gleich Sinnhaftigkeit.
Vieles davon finde ich grenzwertig sinnfrei und komplett am Thema vorbei. Als Hundehalter – und erst recht in der Rolle des Trainers – kommt man mit vielen Ansätzen in Berührung, die fachlich eher fragwürdig sind. Zwei dieser für mich zusammengehörigen Erziehungsansätze regen mich besonders auf: Jagdersatztraining und Antijagdtraining.
Das „Anti“ im Training: Ein Kampf gegen die Biologie?
Der Begriff Antijagdtraining suggeriert, dass man ein genetisch tief verankertes Verhaltensprogramm einfach „abtrainieren“, deckeln oder löschen könnte.
- Der Denkfehler: Jagdverhalten ist ein hündisches Grundbedürfnis. Es ist hochgradig selbstbelohnend und biologisch tief verwurzelt.
- Die Realität: Wer „Anti“ trainiert, arbeitet oft gegen die Natur des Hundes statt mit ihm. Es erzeugt Frust auf beiden Seiten der Leine, weil hier versucht wird, ein Ventil zuzudrehen, ohne die darunterliegende Motivation überhaupt zu begreifen. Man kann Biologie nicht wegtrainieren – man kann sie nur lenken.
Jagdersatz: Ein problematischer Tauschhandel
Besonders präsent ist das sogenannte Jagdersatztraining, das in der Praxis oft auf die Arbeit mit Felldummies reduziert wird. Die Idee dahinter: Wir kleben ein bisschen Fell auf einen Stoffbeutel und glauben ernsthaft, wir hätten damit eine gleichwertige Alternative zur echten Jagd geschaffen.
Ich vergleiche das gerne so: Es ist, als würde man einem Heroin-Abhängigen seine Droge nehmen und ihm stattdessen Crystal Meth geben.
Ein Felldummy ist für einen passionierten Jäger kein echter Ausweg aus der Sucht. Wir tauschen lediglich das Objekt der Fixierung aus, ohne an der eigentlichen Impulskontrolle oder der Ansprechbarkeit des Hundes zu arbeiten. Wer glaubt, dass ein Hund, dessen gesamtes System auf die hochkomplexe Fährte und die Dynamik eines echten Wildtieres programmiert ist, diesen Trieb dauerhaft an einem „toten“ Stück Fellimitat gesund befriedigt, unterschätzt die hündische Instinktwelt massiv. Wir bieten ein statisches Ersatzmittel an, wo der Hund ein echtes Lebensgefühl sucht.
Warum diese Ansätze am Ziel vorbeischießen
Diese Konzepte wirken oft wie klinisch saubere Lösungen für ein „Problem“, das eigentlich eine fundamentale Eigenschaft des Hundes ist.
- Symptom vs. Ursache: Es wird krampfhaft an Ersatzhandlungen gefeilt, anstatt die Orientierung am Halter und eine echte Kooperation unter Ablenkung von Grund auf aufzubauen.
- Etikettenschwindel: Unter dem Namen „Jagdersatz“ wird oft nur stumpfes Apportieren verkauft, das mit der eigentlichen Jagdsequenz – dem Suchen, Fixieren und Anschleichen – absolut nichts zu tun hat.
- Fehlende Authentizität: Wenn wir nur nach Schema F aus dem Lehrbuch trainieren, verlieren wir den Blick dafür, was der Hund wirklich braucht: Eine Führung, die ihn in seinem Wesen ernst nimmt, statt ihn mit minderwertigen Suchtalternativen abzuspeisen.
Fazit: Weg von den Schlagworten
Wir müssen aufhören, Biologie in verkaufsstarke Trainingsbegriffe zu pressen. Jagdverhalten lässt sich nicht mit einem „Anti“ wegzaubern und nicht durch einen Felldummy neutralisieren. Wahre Zusammenarbeit entsteht dort, wo wir den Hund als das sehen, was er ist, und aufhören, ihm mit hohlen Schlagworten seine Natur absprechen zu wollen.
Hier findest Du meinen Vortrag zum Thema Jagdverhaltenskontrolle: Auf und Davon und Auf Abwegen




