Jagdhund in Nichtjägerhand: was das wirklich heißt

Deutsch Kurzhaar schaut aufmerksam und entspannt in die Kamera

Die meisten Jagdhunde in Deutschland arbeiten nicht. Sie liegen auf dem Sofa, gehen dreimal am Tag spazieren und begleiten Menschen, die keinen Jagdschein haben und auch keinen wollen. Das ist längst der Normalfall, und es ist kein Drama – solange man weiß, worauf man sich einlässt.

Dieser Artikel handelt von genau dieser Situation: ein Hund, der für eine Arbeit gezüchtet wurde, in der Hand von jemandem, der diese Arbeit nicht anbieten kann. Was daraus wird, hängt weniger vom Jagdschein ab als von der Frage, ob du bereit bist, die Aufgabe zu ersetzen.

Inhalt dieses Artikels
  1. Was „Nichtjägerhand“ überhaupt heißt
  2. Was dabei kippt – und was nicht
  3. Die drei Phasen, in denen sich alles entscheidet
  4. Was du ersetzen musst
  5. Für wen ein Jagdhund nichts ist
  6. Was auch ohne Jagdschein geht

Was „Nichtjägerhand“ überhaupt heißt

Der Begriff klingt nach Mangel, und genau so wird er oft benutzt: als wäre der Hund bei dir nur zwischengeparkt, bis ihn jemand mit Jagdschein abholt. Das halte ich für Unsinn.

Ich war selbst Jagdhundebesitzerin, bevor ich Jägerin wurde. Und ich sehe im Training regelmäßig jagdlich geführte Hunde, die den größten Teil des Jahres genauso wenig arbeiten wie deiner – arbeitslose Spezialisten, weil Reviere und Lebensläufe heute selten Vollbeschäftigung hergeben. Der Jagdschein ist keine Garantie dafür, dass ein Hund ausgefüllt ist.

Was er tatsächlich bedeutet, ist Zugang: zu Fläche, zu Wild, zu Arbeit, die echt ist. Diesen Zugang musst du dir als Nichtjägerin oder Nichtjäger anders organisieren. Das ist Aufwand, aber es ist machbar, und es ist der einzige Unterschied, der zählt.

Merke

Nicht der fehlende Jagdschein macht Probleme. Der fehlende Zugang zu Aufgaben macht Probleme – und den kann man sich beschaffen.

Was dabei kippt – und was nicht

Der Jagdtrieb kippt nicht. Er ist da, von Anfang an, und er verschwindet auch nicht, wenn dein Hund ein liebes Familienmitglied ist. Das ist die erste Enttäuschung, die ich Leuten regelmäßig zumuten muss: Es gibt keinen Aus-Knopf.

Was kippt, ist etwas anderes. Ein Jagdhund, der keine Aufgabe bekommt, sucht sich eine. Das läuft fast immer gleich ab: Erst wird der Spaziergang interessanter als du. Dann wird die Entfernung größer. Dann kommt der erste Hase, und dein Hund macht die Erfahrung, dass das, was er da tut, sich besser anfühlt als alles, was du ihm bisher angeboten hast. Ab diesem Moment trainierst du gegen ein Erlebnis an, und Erlebnisse sind schwer zu überbieten.

Der Unterschied zwischen einem entspannten und einem schwierigen Jagdhund liegt selten im Hund. Er liegt darin, ob dieser Ablauf einmal durchlaufen wurde oder nicht. Wie die Kette im Einzelnen aussieht, steht unter Jagdtrieb: Ursachen und Rassen.

Die drei Phasen, in denen sich alles entscheidet

Die ersten Monate. Hier geht es um Orientierung, nicht um Gehorsam. Dein Welpe soll lernen, dass du interessant bist und dass es sich lohnt, zu gucken, wo du bist. Wer diese Wochen mit Sitz und Platz verbringt, hat später einen Hund, der Kommandos kann und trotzdem nicht bei ihm bleibt.

Der siebte bis vierzehnte Monat. Jetzt kommen Ausdauer, Selbstständigkeit und Mut dazu, und der Hund merkt zum ersten Mal, dass er allein etwas erreichen kann. Das ist die Phase, in der die meisten Nichtjäger zu mir kommen, weil ein Hund, der bisher alles mitgemacht hat, plötzlich Entscheidungen trifft. Das ist keine Trotzphase. Das ist der Hund, für den er gezüchtet wurde.

Die ersten echten Wildkontakte. Sie kommen, ob du willst oder nicht. Entscheidend ist nur, ob dein Hund zu diesem Zeitpunkt schon gelernt hat, sich unterbrechen zu lassen – und ob du nah genug dran bist, um es zu tun. Alles, was vor dem ersten Wildkontakt aufgebaut ist, hält danach. Alles, was fehlt, musst du danach gegen ein Erlebnis aufbauen.

Tipp

Wenn du gerade in Phase zwei steckst und das Gefühl hast, alles fällt auseinander: Das ist normal, und es ist der beste Zeitpunkt für Hilfe. Später wird es nicht unmöglich, aber teurer an Zeit.

Was du ersetzen musst

Nicht die Jagd. Die Arbeit.

Ein Jagdhund braucht einen vollständigen Ablauf: eine Aufgabe, die einen Anfang hat, Konzentration verlangt und ein Ende kennt. Suchen, finden, aufhören. Genau dieser Bogen fehlt bei den Beschäftigungen, die man Hundehaltern üblicherweise empfiehlt. Bällchen werfen hat keinen Anfang und kein Ende, es hat nur Wiederholung – und es dreht einen Jagdhund hoch, statt ihn zu sättigen.

Was bei Jagdhunden sättigt und was aufdreht
SättigtWarumDreht auf
Nasenarbeit mit klarem Anfang und EndeSuchen, finden, aufhören – der vollständige AblaufBällchen werfen
Fährten- und SpurarbeitLangsam und konzentriert, ermüdet den KopfDauerhaftes Rennen ohne Ziel
Apportieren mit sauberem AufbauVerlangt Impulskontrolle, endet bei dirHetzspiele mit anderen Hunden
Ruhe üben, aktivErregung herunterfahren ist trainierbarVolles Programm an sieben Tagen

Wie du den Einstieg über die Nase aufbaust, steht unter Nasenarbeit mit dem Hund. Für den Apport gibt es einen eigenen Aufbau Schritt für Schritt.

Für wen ein Jagdhund nichts ist

Ich schicke regelmäßig Leute weg, und das sind die Fälle, in denen ich es tue.

Wer einen Hund sucht, der einfach mitläuft, ist bei einer jagdlich gezüchteten Rasse falsch. Diese Hunde sind nicht schwierig. Sie denken mit, und Mitdenken heißt auch: eigene Ideen haben.

Wer keinen Zugang zu Fläche hat – kein Feld, kein Wald, keine Möglichkeit, außerhalb von Wegen zu arbeiten –, wird es schwer haben. Ein Jagdhund im Stadtpark ist machbar, aber nur mit deutlich mehr Aufwand an anderer Stelle.

Und wer das Thema Leine grundsätzlich ablehnt, sollte es lassen. Es wird Phasen geben, in denen dein Hund an der Schleppleine läuft, und zwar über Monate. Das ist kein Scheitern, das ist Handwerk.

Was in dieser Aufzählung fehlt, ist die Rasse. Das ist Absicht. Ich habe Nichtjäger erlebt, die mit hochpassionierten Hunden aus reinen Leistungslinien hervorragend zurechtkommen, und ich habe Leute mit einer als unkompliziert geltenden Rasse scheitern sehen. Den Ausschlag gibt der Wille, sich tief in die Materie einzuarbeiten – zu verstehen, wofür dieser Hund gezüchtet wurde und was das für euren Alltag bedeutet. Wer den mitbringt, schafft auch einen schwierigen Hund. Wer ihn nicht mitbringt, scheitert am leichten.

Ein Jagdhund ist kein Sportwagen für Aktive. Er ist ein Lebewesen mit speziellen Bedürfnissen. Du musst kein Jäger sein – aber bereit, Verantwortung zu übernehmen.

Was auch ohne Jagdschein geht

Mehr, als die meisten denken.

Du kannst deinen Hund über die Nase auslasten, Fährten legen, Apport sauber aufbauen, an Dummyarbeit und Workingtests teilnehmen und mit ihm in die Wasserarbeit einsteigen. Du kannst ihn ableinen, wenn ihr die Vorarbeit gemacht habt – bei jagdlich veranlagten Hunden ist das kein Tabu, es ist eine Frage der Reihenfolge. Und du kannst mit ihm an Seminaren und Trainingswochen teilnehmen, die sonst Jägern vorbehalten scheinen.

Was nicht geht, ist die Arbeit am lebenden Wild und alles, was daran hängt. Das ist eine klare Grenze, und sie ist auch richtig so.

Was in der Praxis dazwischen liegt – welche Prüfungen offenstehen, was der Jagdschein tatsächlich ändert und was nicht –, habe ich ausführlich unter Jagdhund ohne Jagdschein aufgeschrieben.

Fragen & Antworten

Ist ein Jagdhund in Nichtjägerhand artgerecht gehalten?

Darüber entscheidet nicht der Jagdschein. Es entscheidet sich daran, was der Hund an Aufgaben bekommt. Ein Vorstehhund, der dreimal täglich an der Leine um den Block geht, ist unterfordert – egal wer ihn führt. Derselbe Hund mit täglicher Nasenarbeit, klarer Struktur und einem Menschen, der sich mit seiner Rasse beschäftigt hat, lebt gut. Ich sehe beide Varianten in beiden Lagern.

Welche Jagdhunderassen kommen in Nichtjägerhand am besten zurecht?

Die Frage führt in die Irre. Ich habe Nichtjäger erlebt, die mit hochpassionierten Hunden hervorragend zurechtkommen – mit Rassen, von denen es heißt, sie gehörten in Jägerhand. Und ich habe Leute mit einer als familientauglich geltenden Rasse scheitern sehen.

Was den Unterschied macht, ist die Bereitschaft, sich tief in die Materie einzuarbeiten: zu verstehen, wofür der Hund gezüchtet wurde, was in ihm vorgeht, wenn er arbeitet, und wie sich diese Arbeit ersetzen lässt. Wer diesen Willen mitbringt, kommt mit fast jeder Rasse zurecht. Wer einen pflegeleichten Hund möchte und sich das Thema nicht aneignen will, bekommt auch mit der vermeintlich einfachen Rasse Probleme.

Die Rasse sagt dir, welche Art von Arbeit du ersetzen musst. Ob es klappt, sagt sie dir nicht. Welche Rasse zu deinem Leben passt, steht unter Welcher Jagdhund passt zu mir.

Mein Jagdhund läuft nie frei. Ist das schlimm?

Nein. Freilauf ist ein Ziel, kein Grundrecht, und ein Hund an der Schleppleine kann ein erfülltes Leben haben, wenn der Rest stimmt. Problematisch wird es, wenn die Leine das einzige Konzept ist und nichts daran gearbeitet wird. Dann verwaltet ihr ein Problem über Jahre.

Kann ich einen Jagdhund aus dem Tierschutz übernehmen, ohne Jäger zu sein?

Ja, und es kommt öfter vor, als man denkt – gerade bei Hunden, die jagdlich nicht die Erwartungen erfüllt haben. Du übernimmst dann allerdings eine Vorgeschichte, die du nicht kennst. Rechne damit, dass der Hund Wildkontakte schon erlebt hat, und plane die Arbeit von unten, statt anzunehmen, dass Grundlagen sitzen.

Brauche ich für das Training einen Jagdschein?

Nein. Bei mir trainieren Jäger und Nichtjäger nebeneinander, und in den Grundlagen unterscheidet sich die Arbeit nicht. Der Unterschied kommt später, bei der Arbeit am Wild. Wie das bei mir abläuft, steht unter Training für Nichtjäger.

Jetzt tiefer einsteigen

Wenn du das nicht allein sortieren willst: In meiner Jagdhundeschule in Bayern arbeiten Jäger und Nichtjäger in derselben Gruppe – fünf Tage am Stück, im Revier.

Josi Schwarz mit Jagdhundewelpe

Josi Schwarz zählt zu den führenden Jagdhundeexpertinnen im DACH-Raum – Jägerin, Hundetrainerin, Leistungsrichterin im VBJ, fast 20 Jahre Erfahrung und vier eigene Jagdhunde, zu Hause im Berchtesgadener Land. In ihren Trainingsurlauben in Oberbayern und Ungarn arbeitet sie mit Jägern und Nichtjägern – mit System statt Lautstärke. Mehr über Josi →

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