Riemenarbeit: den Hund am Schweißriemen führen

Bayerischer Gebirgsschweißhund arbeitet mit tiefer Nase am Schweißriemen über herbstlichem Waldboden

Der Riemen ist das ehrlichste Stück Ausrüstung, das du besitzt. Er zeigt dir nach zwanzig Metern, ob dein Hund arbeitet oder ob er zieht. Er zeigt dir auch, ob du führst oder ob du gezogen wirst. Und er verzeiht nichts: Jede Unruhe in deiner Hand kommt hinten am Halsband an, jede Sekunde zu früh und jede Sekunde zu spät. Deshalb ist Riemenarbeit kein Zubehörthema. Sie ist das Fach, in dem sich entscheidet, ob aus einem Hund mit Nase ein Nachsuchenhund wird.

„Am Riemen führt nicht der, der festhält, sondern der, der zur richtigen Zeit nachgibt.“

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Riemen ist ein Kommunikationsmittel, keine Bremse. Wer damit korrigiert, zerstört die Arbeit, die er prüfen will.
  • Sechs bis zehn Meter sind die brauchbare Länge – kurz genug zum Lesen, lang genug für den Haken.
  • Der Hund arbeitet vorn, du gehst hinterher. Nicht daneben, nicht davor.
  • Die wichtigste Fähigkeit am Riemen ist Stehenbleiben: nicht ziehen, nicht rufen, nicht helfen.
  • In der VGP hat die Riemenarbeit auf der Übernachtfährte den höchsten Fachwert der ganzen Prüfung – 8.
Inhalt dieses Artikels
  1. Was Riemenarbeit wirklich ist
  2. Riemen, Halsung, Geschirr: die Ausrüstung
  3. Die Hand: wie du den Riemen führst
  4. Den Hund lesen: was der Riemen dir verrät
  5. Der Haken – der Moment der Wahrheit
  6. Die sechs häufigsten Fehler am Riemen

Was Riemenarbeit wirklich ist

Riemenarbeit heißt: Der Hund arbeitet die Wundfährte an einer langen, durchgehenden Leine, und du folgst ihm. Das klingt banal, beschreibt aber eine ungewöhnliche Rollenverteilung. In fast jedem anderen Fach der Hundeausbildung entscheidest du, wohin es geht. Hier entscheidet der Hund. Deine Aufgabe ist es, ihm zu folgen, seine Arbeit zu lesen und einzugreifen, wenn – und nur wenn – er die Fährte verloren hat und es selbst nicht merkt.

Das ist der Grund, warum so viele gute Gehorsamshunde am Riemen schlecht aussehen. Sie haben gelernt, sich zu vergewissern: kurz zurückschauen, kurz abwarten, was der Mensch will. Auf der Fährte ist das ein Fehler. Ein Hund, der ständig rückversichert, arbeitet nicht selbstständig – und Selbstständigkeit ist genau das, was auf der Nachsuche zählt, wenn du nach 700 Metern nichts mehr siehst außer deinem Hund.

Der Riemen ist deshalb ein Kompromiss. Er hält den Hund bei dir, damit du die Arbeit kontrollieren kannst. Gleichzeitig muss er dem Hund genug Raum lassen, damit er nicht merkt, dass er kontrolliert wird. Diesen Kompromiss musst du in der Hand herstellen, nicht im Kopf.

Merke

Am Riemen ist der Hund der Fachmann und du der Protokollführer. Sobald du anfängst, die Richtung vorzugeben, prüfst du nicht mehr seine Nase, sondern deine Vermutung.

Riemen, Halsung, Geschirr: die Ausrüstung

Ein Schweißriemen ist kein langes Führseil. Er ist üblicherweise sechs bis zehn Meter lang, aus Fettleder oder einem griffigen Biothane-Material, etwa anderthalb bis zwei Zentimeter breit und hat am Ende eine Schlaufe oder einen Karabiner zum Anhängen. Entscheidend ist nicht die Marke, sondern dass er zwei Dinge kann: sich sauber durch die Hand ziehen lassen und im Dickicht nicht in jedem Ast hängen bleiben.

Was die Riemenlänge in der Praxis bedeutet
LängeVorteilNachteil
ca. 6 mÜbersichtlich, gut im Dickicht, der Hund bleibt lesbarWenig Puffer, wenn der Hund am Haken weit ausholt
ca. 8 mDer brauchbare Mittelweg für die meisten ReviereBraucht geübte Riemenführung, sonst Schlaufen im Weg
ca. 10 mViel Raum für selbstständige Korrektur des HundesIm dichten Bestand kaum zu handhaben

Die zweite Entscheidung ist die am Hund. Ein breites, weiches Halsband gibt dir die direkteste Rückmeldung darüber, was der Hund mit dem Kopf macht – und der Kopf ist bei der Fährtenarbeit das ganze Instrument. Ein Geschirr entlastet dagegen den Hals, wenn ein Hund konstant in den Riemen geht, und es sitzt bei schwerem Zug sicherer. Der Preis dafür: Du spürst weniger. Ein Geschirr, das über die Schulter eng anliegt, kann außerdem die Kopfhaltung nach unten verändern – bei manchen Hunden hilfreich, bei anderen störend.

Meine Praxis: Wenn ein Hund am Riemen ruhig arbeitet, Halsband. Wenn er zieht, ist das Geschirr eine Notlösung, die das eigentliche Problem verdeckt. Das Ziehen gehört gelöst, nicht gepolstert. Wie du überhaupt an die Leinenführung herangehst, habe ich in Leinenführigkeit beim Jagdhund beschrieben.

Die Hand: wie du den Riemen führst

Der Riemen läuft von der Halsung des Hundes zu dir, und der Rest liegt in Schlaufen in deiner Hand – nicht um dein Handgelenk, nicht um deine Schulter. Du musst jederzeit loslassen können. Das ist keine Bequemlichkeitsfrage: Wenn ein Hund im dichten Bestand auf ein wehrhaftes Stück trifft, willst du keine Leine am Körper haben.

Geführt wird mit leichtem, gleichmäßigem Zug. Nicht straff, nicht durchhängend. Ein straffer Riemen erzeugt Gegendruck, und Gegendruck erzeugt Tempo – der Hund zieht stärker, du hältst stärker dagegen, und nach fünfzig Metern arbeitet niemand mehr die Fährte. Ein völlig durchhängender Riemen dagegen nimmt dir die Information: Du merkst nicht mehr, wann der Hund verhofft, wann er absetzt, wann er sich vergewissert.

Das Tempo bestimmst du, nicht der Hund. Klingt wie ein Widerspruch zum Abschnitt oben – ist aber keiner. Die Richtung bestimmt der Hund, das Tempo bestimmst du. Ein Hund, der zu schnell arbeitet, überläuft Haken und Wundbetten. Du bremst ihn nicht mit einem Ruck, sondern indem du selbst langsamer gehst und der Riemen dieses Tempo überträgt. Das dauert länger, hält aber.

Praxistipp

Übe die Riemenführung ohne Hund. Häng den Riemen an einen Zaunpfahl, geh rückwärts, nimm auf, gib nach, lege Schlaufen. Wer im Ernstfall über die eigene Leine stolpert, hat nicht den Hund als Problem.

Den Hund lesen: was der Riemen dir verrät

Der Riemen überträgt mehr Information, als die meisten nutzen. Er sagt dir über die Hand, was du im Dickicht nicht sehen kannst.

Was du am Riemen spürst – und was es bedeutet
Was du spürstWas der Hund vermutlich tutDeine Reaktion
Gleichmäßiger, ruhiger ZugEr ist auf der Fährte und arbeitetFolgen, nichts tun
Zug lässt nach, Hund verlangsamtEr hat etwas – Wundbett, Haken, PirschzeichenStehen bleiben, ihm Zeit lassen
Ruckartiges Ziehen, hohe NaseEr nimmt Wind auf oder wechselt auf gesundes WildStoppen, zurück zum letzten sicheren Punkt
Hund pendelt seitlich, Riemen wandertEr hat die Fährte verloren und sucht selbstStehen bleiben. Nicht helfen. Zeit geben.
Hund schaut zurück, Riemen lockerEr sucht Rückversicherung statt FährteNicht bestätigen, ruhig warten, Blick abwenden

Der letzte Punkt ist der, an dem die meisten Gespanne scheitern. Ein Hund, der zurückschaut, bekommt fast immer eine Antwort – ein Wort, ein Nicken, eine Handbewegung. Damit lernt er, dass der Mensch die Lösung hat. Und ein Hund, der glaubt, der Mensch habe die Lösung, arbeitet die Fährte nicht mehr zu Ende. Was der Hund unterwegs findet und wie du seine Signale einordnest, steht ausführlich in Pirschzeichen lesen.

Der Haken – der Moment der Wahrheit

An einer geraden Fährte sieht fast jeder Hund gut aus. Der Haken trennt. In der Verbandsschweißprüfung sind drei nahezu rechtwinklige Haken vorgeschrieben, in der Waldarbeit der VGP sind es zwei stumpfwinklige. Das ist kein Zufall: Der Winkel ist die Stelle, an der der Hund seine Nase gegen seine Erwartung einsetzen muss.

Typischerweise passiert Folgendes: Der Hund läuft über den Haken hinaus, weil er im Tempo ist. Nach fünf bis fünfzehn Metern merkt er, dass nichts mehr da ist. Jetzt beginnt die Arbeit, die du bewerten willst – und genau jetzt greifen die meisten Führer ein. Sie ziehen zurück, sie sagen „such“, sie gehen selbst zum Haken. Damit ist die Prüfung vorbei, auch wenn niemand zusieht: Der Hund hat gelernt, dass er den Verlust nicht selbst lösen muss.

Richtig ist: Stehen bleiben. Riemen nicht straffen, nicht lockern. Nichts sagen. Der Hund darf jetzt in Ruhe zurückarbeiten. Wenn er nach ein bis zwei Minuten wirklich nicht wieder auf die Fährte kommt, gehst du mit ihm zum letzten Punkt zurück, an dem er sicher war, und setzt dort neu an – wortlos. Nicht auf den Haken zeigen. Das ist der Unterschied zwischen einem Neuansatz und einer Lösung, die du geliefert hast.

Merke

Jedes Mal, wenn du den Haken für deinen Hund löst, nimmst du ihm eine Wiederholung weg, die er gebraucht hätte. Zehn selbst gelöste Haken sind mehr wert als hundert gezeigte.

Die sechs häufigsten Fehler am Riemen

Diese sechs sehe ich auf Seminaren immer wieder – bei erfahrenen Führern genauso wie bei Anfängern.

Riemenfehler und was sie beim Hund auslösen
FehlerWas der Hund daraus lernt
Zu nah am Hund gehenEr arbeitet in deinem Schatten statt selbstständig
Gegenhalten, wenn er ziehtZiehen ist normal, Tempo ist normal
Reden während der ArbeitDie Fährte ist ein Dialog, nicht eine Aufgabe
Am Haken eingreifenVerlust löst der Mensch, nicht ich
Loben mitten in der ArbeitUnterbrechung – der Hund hebt den Kopf und verliert die Linie
Riemen um die Hand wickelnKein Fehler des Hundes, sondern ein Sicherheitsrisiko für dich

Der fünfte verdient eine eigene Bemerkung, weil er so gut gemeint ist. Lob während der Fährtenarbeit fühlt sich richtig an – der Hund macht ja etwas gut. Für den Hund bedeutet es aber: Aufgabe erledigt, Kopf hoch, Mensch zuwenden. Lob gehört ans Ende, am Stück, und dort dann deutlich. Wie du das Ende sauber gestaltest, hängt davon ab, ob dein Hund verbellt oder verweist – dazu Totverbeller oder Totverweiser.

Und wenn du das alles am Riemen üben willst, brauchst du erst einmal etwas, worauf du gehst. Wie du eine Fährte legst, die dieses Training überhaupt möglich macht, steht in Schweißfährte legen. Den Gesamtzusammenhang – vom ersten Aufbau bis zur Verbandsschweißprüfung – findest du im Überblicksartikel Schweißarbeit und Nachsuche.

Fragen & Antworten

Wie lang sollte ein Schweißriemen sein?

Sechs bis zehn Meter. Acht Meter sind für die meisten Reviere der brauchbare Mittelweg: lang genug, damit der Hund am Haken selbstständig ausholen kann, kurz genug, um im dichten Bestand handhabbar zu bleiben. Kürzer als sechs Meter engt die Arbeit ein, länger als zehn Meter wird im Wald zur Stolperfalle.

Halsband oder Geschirr für die Riemenarbeit?

Ein breites, weiches Halsband gibt dir die direkteste Rückmeldung über die Kopfarbeit des Hundes – und der Kopf ist bei der Fährtenarbeit das Instrument. Ein Geschirr entlastet den Hals bei Hunden, die stark in den Riemen gehen, kostet dich aber Information. Wenn dein Hund zieht, ist das Geschirr eine Notlösung: Das Ziehen selbst gehört gelöst.

Was mache ich, wenn mein Hund am Haken die Fährte verliert?

Stehen bleiben und nichts tun. Gib ihm ein bis zwei Minuten, in Ruhe selbst zurückzuarbeiten – genau das ist die Leistung, die du ausbilden willst. Erst wenn er sichtbar nicht mehr weiterkommt, gehst du wortlos mit ihm zum letzten Punkt zurück, an dem er sicher auf der Fährte war, und setzt dort neu an. Nicht auf den Haken zeigen.

Wie viel Riemenarbeit verlangt die VGP?

Auf der Übernachtfährte und auf der Tagfährte jeweils rund 400 Meter am Riemen, bevor überhaupt freie Arbeit oder Verweisen bewertet werden. Die Riemenarbeit auf der Übernachtfährte trägt mit Fachwert 8 das höchste Gewicht der gesamten Verbandsgebrauchsprüfung, die Tagfährte kommt auf 5.

Darf ich meinen Hund während der Riemenarbeit loben?

Besser nicht mitten in der Arbeit. Lob unterbricht: Der Hund hebt den Kopf, wendet sich dir zu und verliert die Linie. Bestätigung gehört ans Ende der Fährte, am Stück – dort dann aber deutlich. Was der Hund unterwegs braucht, ist Ruhe und die Erfahrung, dass du ihm nicht dazwischenredest.

Mein Hund zieht am Riemen wie verrückt. Ist er trotzdem geeignet?

Ziehen ist meistens ein Tempoproblem, kein Nasenproblem – und Tempo lässt sich verändern. Der Hebel ist nicht Gegendruck, sondern dein eigenes Gehtempo und deutlich kürzere Fährten, die er von Anfang bis Ende ruhig arbeitet. Erst wenn die Ruhe auf fünfzig Metern steht, verlängerst du.

Jetzt tiefer einsteigen

Riemenarbeit lernt man nicht aus Texten, sondern an der Fährte – mit jemandem, der von hinten sieht, was du in der Hand nicht merkst. Im Webinar „Auf der Spur“ gehe ich den kompletten Aufbau mit dir durch, von der ersten kurzen Fährte bis zur Winkelarbeit: zur Webinar-Aufzeichnung „Auf der Spur“.

Produktkachel Webinar Auf der Spur – Fährten- und Schleppenarbeit für Jagdhunde
Josi Schwarz mit Jagdhundewelpe

Josi Schwarz zählt zu den führenden Jagdhundeexpertinnen im DACH-Raum – Jägerin, Hundetrainerin, Leistungsrichterin im VBJ, fast 20 Jahre Erfahrung und vier eigene Jagdhunde, zu Hause im Berchtesgadener Land. In ihren Trainingsurlauben in Oberbayern und Ungarn arbeitet sie mit Jägern und Nichtjägern – mit System statt Lautstärke. Mehr über Josi →

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